Neue Ideen für die Seniorenbetreuung

Neue Ideen für die Betreuungsarbeit

„Sich auf eine andere Welt einlassen“
Interview mit dem Demenz-Experten Michael Schmieder 

Michael Schmieder leitete über viele Jahre das Pflegeheim Sonnweid in der Schweiz. Das Heim gilt als eine der weltweit besten Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Demenz. Er ist gelernte Pflegekraft, Ethiker, Buchautor und einer der bekanntesten Demenzexperten im deutschsprachigen Raum.
Herr Schmieder, zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen für dieses Interview!
Sie haben kürzlich ihr zweites Buch veröffentlicht: „Dement, aber nicht vergessen“. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Im Laufe von 35 Jahren, in denen ich mit Menschen mit Demenz zusammengearbeitet habe, schien es mir sinnvoll, Erlebtes zu erzählen. Ich wollte aufzeigen, dass Menschen mit Demenz uns sehr viel sagen, zeigen, fühlen lassen können.
Gleichzeitig kann man auch an nicht so tollen Geschichten aufzeigen, an was das System krankt, aber auch daran, warum Menschen nicht anders können als sie nun mal können. Vor allem im Bereich Krankenhäuser liegt sehr Vieles im Argen.
Ich wollte aber auch eine Vision entwickeln, wie die Zukunft aussehen könnte, auch in Zeiten, wenn wir keine Pflegepersonen mehr haben. Das ist ja inzwischen schon Realität.
Welche Bedürfnisse von Menschen mit Demenz werden Ihrer Meinung nach von professionellen Pflege- und Betreuungskräften am häufigsten übersehen, missverstanden oder falsch eingeschätzt?
Meine Erfahrungen lassen einen grossen Spielraum erkennen, wie wir den erkrankten Menschen wahrnehmen. So ist der pflegerische Blick anders als der sozialpädagogische. Da könnten pflegeorientierte Menschen noch etwas lernen. Den grössten Bedarf sehe ich jedoch im Bereich angepasste Kommunikation. Immer noch werden Menschen realitätsorientiert, obwohl ihre Wirklichkeit an einem anderen Ort und Zeitraum verortet ist. Immer noch werden Menschen mit Demenz korrigiert, ermahnt.
Sie haben einmal gesagt, dass Menschen mit Demenz keine Konzepte brauchen – habe ich das richtig in Erinnerung? Und wenn ja: Was meinten Sie damit?
Das haben Sie richtig in Erinnerung. Das Konzept bestand eben aus dem Nicht-Konzept, was meint, dass es durchaus eine Idee braucht und einen Plan. Die Idee liefert uns der erkrankte Mensch: „Nehme mich an, so wie ich bin, lass Dich auf mich ein, sei gut zu mir“. Daraus kann sich ja dann eine Haltung entwickeln, die genau dies versucht zu verwirklichen. Dann braucht es keine Bushaltestellen-Attrappen, keine Demenzdörfer, nein es braucht das, was der Mensch für sich einfordert. Man könnte auch sagen: Respekt vor der subjektiven Wirklichkeit und diese für ihn als gültig und wahr zu betrachten.
Sie setzen sich sehr für „Entstigmatisierung“ von Menschen mit Demenz ein. Was genau meinen Sie damit? Wie und wo werden Menschen mit Demenz denn stigmatisiert? Vielleicht können Sie da ein Beispiel nennen?
Kennen Sie das „Demenzcafe“? Gut gemeint, aber schon der Name stigmatisiert den Besucher. Die demenzfreundliche Kommune - was ist das?
Brauchen wir nicht menschenfreundliche Kommunen, dann sind sie automatisch demenzfreundlich.
Und natürlich gibt es dann auch spezielle Möglichkeiten für einzelne Menschen, auch für Demenzerkrankte.
In einer Umfrage gaben 96% aller Menschen mit Trisomie 21 an, glücklich zu sein. Was braucht es, damit in unserer Gesellschaft auch 96% aller Demenzbetroffenen sagen können, sie seien glücklich?
Was ist Glück? Meine Aufgabe sah ich immer mehr darin, unglückliche Zustände zu verhindern, als Glück zu erzeugen und das noch bei anderen Menschen.
Der Verlust von Kontrolle über den eigenen Geist, Körper etc. macht Angst und sicher zeitweise auch sehr unglücklich. In sehr fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung spielen diese Verluste immer weniger eine Rolle und dann können glückliche Momente vermehrt Platz bekommen.
In Deutschland werden für die Demenzbetreuung in stationären Einrichtungen sogenannte „Zusätzliche Betreuungskräfte“ ausgebildet. Die Ausbildung umfasst 160 Unterrichtseinheiten plus 3 Wochen Praktikum. Halten Sie diesen zeitlichen Umfang für ausreichend, um Betreuungspersonen zu qualifizieren?
Wenn die Ausbildungsinhalte sich mit dem Erleben der Erkrankten befassen, wenn die Betreuungskräfte sich auf diesen „Demenzprozess“ einlassen können und wenn eine demenzsensible Kommunikation gelehrt und gelebt wird, dann kann das durchaus ein guter Start sein. Die Ausbildung soll befähigen: hinzuschauen und daraus zu erkennen, was es brauchen könnte und was gut tut.
Welche persönlichen Fähigkeiten sollte eine Person mitbringen, die in der Demenzbetreuung arbeiten möchte bzw. sich für einen entsprechenden Ausbildungskurs interessiert?
Bereit sein, sich auf andere Welten einzulassen, Menschenfreund sein, Andersartigkeit schätzen und diesen Andersartigen auf Augenhöhe begegnen können.
Herzlichen Dank Herr Schmieder!

Die Fragen stellte Volker Gehlert                               (Foto: Michael Schmieder, privat)

Hier ein paar Informationen zu Michael Schmieders neuem Buch "Dement, aber nicht vergessen":
"Was sich Demenzkranke wünschen und wie wir ihnen diese Wünsche erfüllen können -
Michael Schmieders Buch ist eine fundierte Anleitung, die ganz konkret erklärt, wie wir Menschen mit Demenz gerecht werden. Im Zentrum steht die Frage: Was wünschen sich die Demenzkranken? Wie können wir verstehen, was ihnen wirklich guttut? Es ist für Angehörige und Pflegekräfte oft schwer, zu erkennen und zu verstehen, was Demenzkranke sich wünschen. Michael Schmieder ist Experte zum Thema Demenz und kann Angehörige entlasten und helfen, die Bedürfnisse der Kranken zu erfüllen. Ist die Haltung, mit der wir ihnen begegnen von Achtung und Sympathie geprägt, erschließt sich der Rest schon fast wie von selbst."
Verlagstext
Erschienen im Verlag Ullstein Paperback, 240 Seiten, ISBN 9783864931802
Preis 22,99 €

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Ullstein Verlags!