Neue Ideen für die Seniorenbetreuung

Neue Ideen für die Betreuungsarbeit


"Du" oder "Sie"? Wie spricht man Senioren an?

Guten Morgen, Herr Engelke!“ begrüße ich einen Bewohner, als ich sein Zimmer betrete. „Ich bin der Toni – zu mir brauchst Du nicht „Herr Engelke“ sagen!“ entgegnet der fast 90-jährige Mann. Darf ich ihn nun einfach duzen? Oder sollte ich es sogar unbedingt? Oder verbietet es sich grundsätzlich?

Du“ oder „Sie“? Eine immer wieder auftauchende Frage in Pflege- und Betreuungseinrichtungen und ein immer wieder diskutiertes Thema. Dieses umstrittene Thema soll hier einmal näher beleuchtet werden.

Normale Umgangsform in Deutschland

Unter erwachsenen Menschen, die nicht näher verwandt oder befreundet sind, ist es in Deutschland üblich, sich mit „Sie“ anzusprechen. Dies ist eine kulturelle Normalität. Unter jungen Menschen verbreitet es sich zwar immer mehr, sich zu duzen, auch ohne sich persönlich zu kennen. Dagegen sehen es ältere Menschen als selbstverständlich an, mit „Sie“ angesprochen zu werden (z. B. von einem Verkäufer in einem Laden). Ältere Menschen in Deutschland empfinden es als respektlos, von einer deutlich jüngeren, fremden Person geduzt zu werden.

Langzeitpflege ist Beziehungspflege

Die  Pflege und Betreuung von Senioren ist meist eine Langzeitpflege. In der Ausbildung zur Pflegekraft oder Betreuungsassistentin wird vermittelt, dass Langzeitpflege immer Beziehungspflege bedeutet. Das heißt, es ist ausdrücklich erwünscht, eine herzliche, empathische Beziehung zum betreuten Menschen aufzubauen. Hier besteht ein deutlicher Unterschied zur Pflege in Krankenhäusern oder Reha-Einrichtungen, wo der alte Mensch meist nur ein paar Tage verbringt. Aber auch in der Langzeitpflege gilt: Eine gute pflegerische oder betreuerische Beziehung ist immer noch eine professionelle Beziehung und keine private Freundschaft.

Daher gilt auch in der Langzeitpflege in Seniorenheimen, Tagespflegen und in der ambulanten Betreuung der Grundsatz: Erwachsene Personen werden mit „Sie“ angesprochen! Das gilt auch, wenn sich die erwachsene Person womöglich „kindisch“ verhält aufgrund einer Demenz oder psychischen Erkrankung.

Ausnahmen bei Demenz?

Manche  Menschen mit Demenz reagieren nicht mehr auf ihren Nachnamen, weil dieser einfach vergessen wurde. Manche fühlen sich auch nicht wie ein alter Mensch, sondern haben sich in ihre Jugendzeit oder Kindheit       zurückgezogen. Dies ist z. B. ein Grund, warum manche Menschen mit Demenz erschrecken, wenn Ihnen aus dem Spiegel ein alter Mensch entgegensieht. Jedoch ist die Diagnose „Demenz“ kein Freibrief für alle Betreuungspersonen, den betroffenen Senioren zu duzen. Das „Du“ kommt nur in Ausnahmefällen und unter ganz bestimmten       Bedingungen in Frage.

Dabei gibt es zwei wesentliche Ausnahmen vom Grundsatz des „Sie“:

1) Ausdrücklicher Wunsch des Seniors

Der alte Mensch (mit oder ohne Demenz) möchte ausdrücklich mit „Du“ angesprochen werden. Er äußert dies deutlich und mehrmals. In diesem Fall muss aber sehr auf das weitere Vorgehen geachtet  werden. Es sollte in der nächsten Teambesprechung darüber gesprochen werden und gemeinsam beschlossen werden, ob dieser Bewohner zukünftig       mit „Du“ angesprochen wird. Dieser Beschluss und die Begründung sollte dokumentiert werden. Wenn sich das Team darüber einig ist, sollten sich ab diesem Zeitpunkt alle Mitarbeiterinnen daran halten. Der Beschluss des Teams sollte möglichst schnell den nächsten Angehörigen des betreffenden Bewohners mitgeteilt werden (ganz besonders demjenigen, der die gesetzliche Betreuung oder die Vollmacht besitzt). Gerade gegenüber den Angehörigen ist es wichtig, die Situation gut zu erklären.

2) Bessere Ansprechbarkeit des Seniors

Im Verlauf einer fortschreitenden Demenz kann ein Punkt kommen, an dem der betroffene Mensch nicht mehr auf „Sie“ und den Nachnamen reagiert. Dann kann es für die bessere Kommunikation mit dem betroffenen Senior sinnvoll sein, das „Du“ und den Vornamen als Form der Ansprache auszuprobieren. Dies sollte nicht von einer  Betreuungskraft alleine entschieden werden, sondern auch hier ist eine Fallbesprechung mit Dokumentation der Gründe und mit einem Beschluss über das weitere Vorgehen notwendig.

Bevor man vom „Du“ aufs „Sie“ übergeht sollte das Team bedenken:

Frauen mit Demenz haben evtl. ihren angeheirateten Namen vergessen, können sich aber vielleicht noch an ihren Mädchennamen erinnern. Dies sollte man ausprobieren, bevor das „Du“ benutzt wird!

Männer  mit Demenz hatten früher evtl. einen Spitznamen (Beispielsweise: Toni statt Anton, Schorsch statt Georg, Sepp statt Joseph). Hier kann man die Angehörigen befragen, welcher Name früher geläufig war. So könnte man z. B. versuchen, den Mann mit „Toni“ und „Sie“ anzusprechen, bevor aufs „Du“ übergegangen wird.

Das „Sie“ hat also immer Vorrang. Erst wenn sich aus betreuerischen Gründen das “Sie“ nicht mehr bewährt, kann das Team in Einzelfällen zum „Du“ übergehen. Es muss immer im Einzelfall besprochen werden und kann unter keinen Umständen für einen ganzen Wohnbereich eingeführt werden!

Jeder Einzelfall sollte auch in regelmäßigen Abständen evaluiert  werden. Das heißt, beispielsweise alle 3 Monate sollte man gemeinsam  überprüfen, ob es immer noch gerechtfertigt ist, den Bewohner mit „Du“ anzusprechen.

Die Vorgehensweise, wenn ein Bewohner gezielt mit „Du“ angesprochen werden soll hier noch einmal als Zusammenfassung:

  1. Absprache im Team

  2. Besprechung mit Angehörigen

  3. einheitliches Vorgehen

  4. gute Dokumentation der Gründe und der Vorgehensweise

  5. regelmäßig evaluieren / überprüfen der Sinnhaftigkeit  

Bedenken Sie immer: Auch ein Mensch mit fortgeschrittener Demenzerkrankung ist sich noch dessen bewusst, dass er ein Erwachsener ist. Ihn ungefragt zu duzen ist respektlos und drängt ihn in die Rolle eines Kindes. Daniela L., Betreuungsassistentin aus Lehrte, bringt es so auf den Punkt: „Jeder Mensch mit Demenz hat ein Recht darauf, mit        Respekt und Achtung behandelt zu werden.“

VG